Fachzentrum Schweinehaltung und -zucht
Das Projekt "Ringelschwanz" - ein Zwischenbericht aus Wertingen

Die Schweinehalter haben es in letzter Zeit nicht leicht. Die Preise sind auf niedrigem Niveau und die Diskussionen über die Haltungsbedingungen werden heftig geführt. Vor allem zwei Maßnahmen erregen die Gemüter: Das Kastrieren und das Kupieren der Schwänze.

Während das Kastrieren noch dem Qualitätserhalt dient, ist das Verständnis zum Kürzen der Ringelschwänze beim Verbraucher nicht gegeben. Das Projekt "Ringelschwanz" nimmt sich der Frage an: Was passiert in der Praxis, wenn auf das Kupieren der Schwänze verzichtet wird?. Das Fachzentrum Schweinezucht und -haltung am AELF Wertingen gibt einen Zwischenbericht ab.

Wann darf überhaupt kupiert werden?

Kupierte SchwänzeZoombild vorhanden

Schwanzbeißen bei Kupierten ist meist weniger gravierend.

Das Tierschutzgesetz verbietet das routinemäßige Amputieren von Körperteilen 1. Zulässig ist dies im begründeten Einzelfall, wenn eine Gefährdung für das Tier selbst oder andere Tiere vorliegt.
Damit ergibt sich in der Schweineproduktion folgendes Dilemma: Das Schwanzbeißen kann als Reaktion auf Stress, Langeweile, durch Schwanznekrosen oder aus anderen Gründen plötzlich während der gesamten Aufzucht- und Mastdauer auftreten. Als wirksamstes Mittel hat sich hier das Einkürzen des noch unverknöcherten Schwanzes erwiesen. Das ist jedoch ohne Betäubung nur in den ersten vier Lebenstagen zulässig. Wird das Schwanzbeißen nicht anderweitig unterbunden, kann es zu Infektionen bis hin zur Lähmung des betroffenen Tieres kommen.
Für den Verbraucher ist dieser Zusammenhang nicht eindeutig erkennbar. Stattdessen wird das Kupieren als drastischer Eingriff in die Unversehrtheit des Tieres gesehen. Mit der Internetpetition "Mein Ringelschwanz gehört mir" will der Bundesverband Tierschutz e.V. ein deutschlandweites Kupierverbot erwirken.
Einige europäische Länder, darunter die Schweiz und Skandinavien, haben das Schwanzkürzen bereits untersagt. In Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen wurden "Gemeinsame Vereinbarungen" zum Kupierverzicht zwischen den Bauernverbänden und den zuständigen Ministerien geschlossen.
Auch Minister Brunner stellt sich in der Gemeinsamen Erklärung von Vertretern aus Landwirtschaft und Lebensmittelwirtschaft dieser Herausforderung 2. Jedoch soll der Kupierverzicht zuerst „unter Einbeziehung der neueren wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Praxis erprobt“ werden. Dazu wird Betrieben, "die bereit sind, im Rahmen von Praxisversuchen bei einem Teil ihrer Tiere auf das Kupieren zu verzichten", intensive Beratung durch die LfL und die zuständigen Fachzentren für Schweinehaltung angeboten. Außerdem erhalten die teilnehmenden Betriebe eine pauschale finanzielle Aufwandsentschädigung. Doch damit wird das eigentliche Problem nicht gelöst.

Wie läuft das Projekt "Ringelschwanz" ab?

In Bayern haben sich zwölf Betriebe zur Teilnahme bereit erklärt. In einem Vorab-Termin werden der Ablauf und die Methodik von der LfL zusammen mit dem zuständigen Fachzentrum am Betrieb vorgestellt. Außerdem werden Lüftung, Tränkewasser und Fütterung vor Ort überprüft und der Hoftierarzt über das Projekt informiert. Auch die Bereitstellung von Raufutter und Separationsbuchten muss vorab geklärt werden.
Bei den wöchentlichen Betriebsbesuchen durch einen Mitarbeiter des Fachzentrums L3.7 werden Verletzungen und Besonderheiten aufgezeichnet. Außerdem wird der Betrieb zu den auftretenden Fragen und Problemen beraten. Gleichzeitig zieht der Berater Futterproben und beurteilt die Gesundheit der Tiere sowie das Stallklima. Besonders hilfreich sind die bisherigen Erfahrungen der Betriebsleiter.
Das Fachzentrum in Wertingen betreut derzeit zwei geschlossene Betriebe. Diese eignen sich sehr gut für das Projekt, weil die unkupierten Ferkel weiterhin im Betrieb verbleiben können und nicht verkauft werden müssen. Da die Tiere in diesem Fall nicht transportiert werden, ist bereits eine Stressquelle ausgeschlossen.
Von einem Betrieb wird nun berichtet. Er hält 300 Zuchtsauen und 2300 Mastschweine mit Auslauf. Das Betriebsleiterehepaar verspricht sich von der Teilnahme am Projekt einen positiven Effekt für die Direktvermarktung in ihrem Hofladen. So meint der Betriebsleiter: "Ringelschwänze passen zu unserem Konzept mit Direktvermarktung. Und vielleicht wird´s doch noch was mit der Initiative Tierwohl!" Außerdem steht der Betrieb auf der Warteliste der Initiative Tierwohl. Für Ringelschwänze stellt die Initiative immerhin sechs Euro je Schwein in Aussicht. Derzeit ist die Zahlung jedoch noch ausgesetzt.

Experiment mit 41 Kandidaten beginnt

Geringelte SchwänzeZoombild vorhanden

Noch passt alles

Am 27. Januar 2016 wurden 41 unkupierte Ferkel abgesetzt und gemeinsam in einer Aufzuchtbucht mit Spaltenboden und planbefestigtem Liegebereich eingestallt. Für das Experiment wurden starke Ferkel aus mehreren Würfen zu einer sehr einheitlichen Gruppe zusammengestellt. An Beschäftigungsobjekten standen ihnen von Beginn an die übliche Kette mit und ohne Holz, ein Salzleckstein und Raufutter über eine Heuraufe und einen Pelletautomaten zur Verfügung. Bereits bei der ersten Bonitierung nach fünf Tagen zeigten sich bei zwölf Tieren leichte Bissspuren am Schwanz und bei weiteren drei Ferkeln am Ohr. Dies zeugt von Auseinandersetzungen und Rangkämpfen.
Der Betriebsleiter reagierte, indem er den Tieren weitere Beschäftigungsmaterialien anbot. Als sehr beliebt stellte sich ein KG-Rohr mit Kette und Löchern heraus, aus dem bei Bewegung Strohpellets fallen. Doch eine Woche später wiesen 17 Ferkel leichte Verletzungen am Schwanz auf. Viele Ferkel hatten speichelnasse Schwänze und zwei Tiere zogen die Schwänze bereits ein. Dies ist ein untrügliches Zeichen, dass die Tiere bereits Opfer einer Beißattacke geworden sind. Nun waren alle in Alarmbereitschaft.
In der nächsten Woche zeigte sich ein völlig unerwartetes Bild: nur jeweils drei Ferkel wiesen noch Verletzungen an Schwanz oder Ohr auf; kein Tier zog den Schwanz ein. Am Stallklima, den Spielsachen und der Raufutterversorgung wurde in dieser Zeit nichts verändert. Was hatte das Beißen dann beendet?
Um einer erneuten Beißattacke vorzubeugen, bekamen die sechs Wochen alten Ferkel nun zusätzlich Wasser in offenen Schalen angeboten. Zu diesem Zeitpunkt kommt es zu einem deutlichen Wachstumsschub und die kleinen "Racker" wissen oft gar nicht, wohin mit ihrer Energie. Daher war es nicht verwunderlich, dass bei der nächsten Bonitur zwölf Ferkel Schwanzverletzungen und weitere acht Ferkel Kampfspuren an Ohren und Flanken aufwiesen.

Luzerneheu und Haferflocken

Nun hieß es wieder reagieren: Das bisher eingesetzte Heu wurde nur wenig angenommen. Die Platzierung der Raufen war schwierig. Daher stieg man nun auf heißluftgetrocknetes Luzerneheu und Quetschhafer als Raufutter um. Zusätzlich wurde noch Maiskornsilage zweimal am Tag im Trog von Hand vorgelegt. Der Erfolg war beachtlich: Nur noch fünf Tiere wiesen Anfang März leichte Bissspuren und ein Tier kleinflächige Verletzungen am Schwanz auf. Doch auch dieses Mal war es wieder nur die Ruhe vor dem Sturm. Obwohl die Gruppe am 08. März nach Gewicht auf zwei Buchten aufgeteilt wurde, zeigten sich eine Woche später bei sechs Ferkeln deutliche und bei elf immerhin leichte Schwanzverletzungen. Bei vier Tieren führte dies sogar zum Teilverlust und zur Schwellung des Schwanzes. Im Laufe der nächsten Woche verstärkten sich die Symptome noch etwas, so dass nur noch 22 Ferkel oder 54 Prozent zu Beginn der Mast unversehrte Schwänze hatten. Zudem zeigte sich, dass die anfangs sehr einheitliche Gruppe in der Aufzucht deutlich auseinander gewachsen war. Das Durchschnittsgewicht in der besseren Gruppe betrug immerhin 32 Kilogramm, in der schwächeren dagegen nur 23 Kilogramm.

Einige Fragen bleiben

War es sinnvoll, die schönsten Ferkel aus den Würfen als Langschwänze zusammen zu sortieren? Oder wäre es besser gewesen die Würfe beieinander zu lassen. Auf dem Betrieb werden die Schweine sowohl beim Absetzen, als auch später im Laufe der Aufzucht und beim Umstallen in die Mast nach Größe sortiert. Bisher wurden damit gute Erfahrungen gemacht. Ein Einfluss auf das Beißverhalten kann jedoch nicht ausgeschlossen werden.
Muss Beschäftigung durch Fressen belohnt werden? Die Motivation hinter dem Beschäftigungsverhalten der Schweine ist die Nahrungsaufnahme. Die Untersuchung der Futterproben ergab eine fast hundertprozentige Übereinstimmung mit den errechneten Inhaltsstoffen. Ein fütterungsbedingter Mangel kann daher ausgeschlossen werden. Beim Projektbetrieb konnten die positiven Erwartungen mit Stroh und Heu in der Ferkelaufzucht nicht gänzlich bestätigt werden. Das Hauptproblem war hier die Umsetzung der Fütterung von Raufutter. Deutliche Erfolge erzielten alle Dinge die wackeln und pendeln: Ketten und Seile beispielsweise.
Die Betriebsleiter ziehen folgendes Zwischenresümee: "Wir haben nicht bereut am Projekt teilgenommen zu haben. In Zukunft werden wieder alle Ferkel kupiert – das ist besserer Tierschutz".

Zusammenfassung:

Der Aufwand für die Tierhalter war hoch und lässt sich in diesem Umfang nicht auf dem Gesamtbetrieb umsetzen. Viele getroffene Maßnahmen zeigten kleine Erfolge. Am Ende bleibt für die Praxis die Aussage stehen, dass auf das Kupieren nicht verzichtet werden kann, solange noch kein Allheilmittel gegen das Schwanzbeißen gefunden ist.
1 Tierschutzgesetz. (Stand: 03.12.2015) Vierter Abschnitt – Eingriffe an Tieren §6
2 „Gemeinsame Erklärung zur Rolle der Tierhaltung und zur Verbesserung des Tierwohls in der bayerischen Landwirtschaft“ StMELF aktuell (Juni 2015)