Bayerische Ernährungstage
Wo kommt mein Essen her?

Den anhaltenden Diskussionen um die bäuerliche Urproduktion wird mit den "Bayerischen Ernährungstagen" und mehr Öffentlichkeit begegnet. Ziel ist es, die Verbraucher für das Thema "Wo kommt mein Essen her?" zu sensibilisieren.

Aber werden die Verbraucher durch solche Aktionen ihre Einkaufs- und Ernährungsgewohnheiten auch tatsächlich ändern und die Produkte der heimischen Landwirtschaft wieder schätzen lernen? "Das ist ein langer Prozess", glaubt Magnus Mayer, Leiter des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten AELF Wertingen. Es sei schwierig, an die Verbraucher heranzukommen. "Letztlich entscheidet es sich an der Ladenkasse, was der Konsument kauft, und nicht in Internetblogs und diversen Foren."
Das Essen wächst nicht im Supermarktregal oder im Kühlschrank
Um das Verständnis für die moderne Landwirtschaft zu fördern, lud das AELF Wertingen die Bevölkerung zu einem "Spaziergang der besonderen Art" ein. Amtschef Mayer begrüßte die Teilnehmer im Höchstädter Stadtteil Sonderheim. "Bei Lebensmitteln ist es wie beim Strom: Von ihm wissen wir, dass er nicht einfach aus der Steckdose kommt. So wächst unser Essen auch nicht im Supermarktregal oder im Kühlschrank." Die Ernährungstage werden von den ÄELF im Auftrag des bayerischen Landwirtschaftsministeriums in allen sieben Regierungsbezirken bereits zum fünften Mal durchgeführt, heuer unter dem Motto "Wo kommt mein Essen her?". "Im Landkreis Dillingen wollen wir den Verbrauchern die Herkunft von frischem Fisch, Geflügel und Eier näherzubringen", erklärt Dr. Cornelia Stadelmayr. Die Sachgebietsleiterin der Abteilung Hauswirtschaft am AELF Wertingen hatte gemeinsam mit Peter Haible, Fachberater für den Bereich Geflügel am AELF-Fachzentrum Kleintierhaltung, den Spaziergang organisiert.
Wasserqualität entscheidend für gute Fischzucht
An der ersten Station erfahren die Teilnehmer die Vorteile der heimischen Fischproduktion. Evi und Michael Linder führen ihre Fischzucht in Sonderheim bereits in dritter Generation. Alleinstellungsmerkmal des Betriebs ist das frische Wasser, das aus 120 Quellen oberhalb des Betriebs gewonnen und in die verschiedenen Fischbecken geleitet wird. "Eine hervorragende Wasserqualität ist das A und O in der Fischzucht", betont der Landwirtschaftsmeister. "Ein weiterer Pluspunkt ist die Frische unseres Produkts." Frisch gefangen, mit einem Stromschlag geschlachtet und anschließend ausgenommen, kann der Konsument seinen Fisch direkt vom Hof mit nach Hause nehmen. Vermarktet werden die Linder-Fische nicht nur über den Hofladen, sondern auch an die heimische Gastronomie. "Dadurch entfallen lange Transportwege", sagt der Betriebsleiter. "Außerdem sind unsere Fische ab Hof nicht teurer als im Lebensmitteleinzelhandel." Teichbesitzer und Fischereivereine decken sich gern mit Lebendbesatz von der Fischzucht Linder ein. Neben der frischen Ware können die Kunden im Hofladen auch geräucherte Forellen kaufen.
Regenbogenforellen und Saiblinge
Während des Rundgangs entlang der verschiedenen, konisch gebauten Fischbecken, erklärt Linder, dass er zu 90 Prozent Regenbogenforellen züchtet, ein kleiner Anteil sind Bachforellen, fünf bis zehn Prozent Saiblinge. Zusätzlich verfügt der Betrieb über einen kleinen Karpfenteich ohne künstlichen Boden, damit die Tiere im Schlamm wühlen und nach Kleinlebewesen suchen können. Die gesamte Teichfläche des Betriebs beläuft sich auf 2,5 Hektar, der Zulauf des Frischwassers auf 150 Liter pro Sekunde. "Die Wassertemperatur beträgt Sommer wie Winter 8 Grad Celisius. Damit unsere Fische immer den notwendigen Sauerstoffgehalt im Wasser von 50 bis 60 Prozent zur Verfügung haben, setzen wir unterschiedliche Belüftungsgeräte ein." Die Fütterung der Fische erfolgt automatisch. Sie erhalten täglich ein halbes Prozent ihres Lebendgewichts. Das Futter wird zugekauft.
Teiche in Natur eingebunden
Ein Problem sind die Graureiher und die Kormorane. Letztere suchen vor allem im Winter, wenn die Kies-Seen zugefroren sind, ihr Glück bei den Fischteichen der Familie Linder. "Natürlich könnten wir Netze über unser Teiche spannen", sagt Evi Linder. "Aber das kommt für uns nicht in Frage. Unsere Teiche sind so schön in die Natur eingebunden und wir wollen sie nicht mit Netzen verschandeln. "Nach der Besichtigung der Verarbeitungsräume und des Hofladens geht es für die Gruppe weiter in Richtung Blindheim.
40jährige Erfahrung im Betrieb
Beim Spaziergang vorbei an Mais- und Getreidefeldern erklärt AELF-Berater Peter Haible nicht nur viel Wissenswertes über den Anbau dieser Kulturen, sondern auch über den Futterbedarf von Geflügel, insbesondere Hühnern, und dessen Verdauungssystem. Sein Wissen stammt nicht nur aus seiner Tätigkeit als Fachberater. Der Landwirtschafts- und Geflügelzuchtmeister kann auf eine mehr als 40jährige Erfahrung zurückgreifen und hält auf seinem Betrieb in Gerstetten 3.500 Legehennen. Mit seinen Ausführungen bereitet er die Veranstaltungsteilnehmer auf den Besuch des nächsten Betriebs vor.
Hofeigenes Futter für die Tiere
Die Familie Weil in Blindheim hält 4.000 Legehennen mit ungekürzten Schnäbeln und verfügt über 1.200 Masthähnchenplätze. Auf 30 Hektar Ackerfläche wird neben dem hofeigenen Futter für die Tiere wie Mais, Weizen, Luzerne und Triticale auch Dinkel angebaut. Das Futter für die Hühner wird auf dem Hof gemischt und gentechnikfreie Soja aus Europa hinzugefügt.
Eierhäuschen wird von den Kunden begeistert angenommen
Die Vermarktung der Eier und der einmal wöchentlich im eigenen Schlachtraum zerlegten Hähnchen erfolgt über den Hofladen. Ein Teil der Eier wird an die Gastronomie in der Umgebung, an Konditoreien und Altenheime oder auf den Wochenmärkten in Wertingen und Lauingen verkauft. "Seit vergangenem Jahr gibt es auf unserem Hof auch ein Eierhäuschen", merkt Betriebsleiterin und Hauswirtschafterin Evi Weil an. "Dieses Verkaufssystem wurde von unseren Kunden begeistert angenommen. Die Bezahlung erfolgt auf Vertrauensbasis, das Geld wird einfach in eine kleine Kasse eingeworfen." Von September bis Weihnachten werden auch Enten gemästet, die am Stück über den Hofladen verkauft werden. Zusätzlich können die Kunden selbst gebackenes Brot und Hefezöpfe, extern produzierte Nudeln aus hofeigenen Eiern und selbstgemachte Marmeladen erwerben. Um die Produktpalette des Hofladens zu erweitern, bietet die Familie Weil Kartoffeln und Gemüse von Berufskollegen sowie verschiedene Mehlsorten an.
Besichtigung des Legehennenstalls und der Eiersortieranlage
Interessant für die Veranstaltungsteilnehmer sind vor allem die Besichtigung des Legehennenstalls und der Eiersortieranlage. Das moderne Stallsystem verfügt über Sitzstangen mit jeweils 10 Zentimeter pro Huhn und einen zusätzlichen Kaltscharrraum. "Ein Auslauf ist auf Grund der Lage des Stalls leider nicht möglich", erklärt Betriebsleiter Friedhelm Weil. Fachberater Haible wiederum weist darauf hin, wie viel Aufwand es erfordert, bis ein Ei in der Eierschachtel landet, und dass nur ein kleiner Kreis von Verbrauchern bereit ist, einen angemessenen Preis für tierwohlgerecht produzierte Eier zu bezahlen. "Allein der Zukauf der Legehennen ist für den Betrieb ein immenser Kostenfaktor", betont der Geflügelfachmann und geht anschließend auf das angebliche Schreddern der männlichen Küken ein.
Kükenschreddern gibt es schon lange nicht mehr
"Ich kann die Diskussionen um das Kükenschreddern nicht mehr hören und ich weiß nicht, wo die kursierenden Videos gedreht wurden. Fakt ist, dass es in Deutschland nur eine einzige Schredderanlage für männliche Küken gab und diese existiert schon lange nicht mehr. Männliche Küken werden heute mit Kohlenstoffdioxid vergast, tiefgekühlt und an Zoos oder Greifvögelhalter verkauft." Haible ist sichtbar bemüht, ein realistisches Bild von der modernen Geflügelhaltung und Eierproduktion zu vermitteln. "Besonders in Richtung Politik besteht hier noch ein großer Aufklärungsbedarf, weil noch so mancher an den Weihnachtsmann glaubt."
Bericht von Patrizia Schallert